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Bahnreise in die Vergangenheit

Augsburg. Hauptbahnhof. - Bremsen kreischen Stahl auf Stahl. Eine Lautsprecherdurchsage übertönt das laute Lachen zweier Mädchen hinter mir. Der ölige Geruch der Maschinen vermischt sich mit aufdringlichem Parfum und Zigarettenrauch. Mein Blick streift über Plakatwände, über Menschen, bleibt an einem rotem Irokesenschnitt hängen, befreit sich wieder und fällt auf die Uhr. Viertel vor fünf. Ich warte auf meinen Zug. Weiter wandert mein Blick, betrachtet Maschinen, Gleise, Menschen - so viele Leute und so verschieden. Die Oma auf der Bank mit ihren Einkaufstüten. Die Punker auf dem Boden sitzend mit ihren Hunden. Die Mütter mit ihren Kinderwagen. Ein Büroangestellter mit Krawatte und Aktentasche. Zwei türkische Frauen mit Kopftüchern und langen geblümten Röcken. Herumalbernde Kinder. - Wie es hier wohl vor 100 oder 150 Jahren zugegangen ist? Ich versuche mir die Leute altmodisch gekleidet vorzustellen und statt der Lautsprecherdurchsage sehe ich einen lautbrüllenden Schaffner in Uniform mit Goldknöpfen und Schirmmütze vor mir. Diese Tagträumereien abschüttelnd schaue ich auf die große Bahnsteiguhr. Fast zehn vor fünf zeigen die Zeiger, dann bewegen sich die Zeiger langsam linksherum, dann schneller. Wird die Uhr gestellt? Schneller dreht sich der Zeiger - schneller, schneller. Auf den Anzeigetafeln fliegen die umklappenden Blättchen mit Zahlen, Namen, Buchstaben nur so dahin. Zug um Zug rast an mir vorbei und es wuselt von rückwärtsgehenden - rennenden Menschen. Ich rette mich hinter eine Säule. Es dreht sich alles, schwindlig wird mir, ich schließe die Augen und öffne sie erst wieder als wieder Ruhe eingekehrt ist, die nur von dem Pfeifen einer Lokomotive gestört wird. Eine Jupiter, lese ich auf dem Schild - solch eine, wie man sie in Museen sieht - nur hier irgendwie frischer, kräftiger, jünger.

Ein warmer nach Kohlenfeuer riechender Hauch zieht zu mir herüber, aber auch ein frischer Wind aus den Wiesen, Feldern und Hecken ringsherum lässt sich spüren. Schwalben durchschneiden die Luft um zu den Nestern unter dem Dachsims zu kommen. Gelb verputzte Fassade, roter Backstein bildet die Abschlüsse, Gaslaternen angebracht. Ich stehe auf dem Bahnsteig im Schutz einer Balkenkonstruktion.

Jetzt betrachte ich auch die Menschen zwischen den Koffern. Männer tragen schwarze Röcke, Zylinder mit breiter Krempe und Spazierstock. Das Blickfeld der Frauen ist begrenzt durch die Hauben, die weit über das Gesicht hinausragen. Ich sehe keine, die keinen Schirm bei sich trägt. Ein paar Kinder laufen johlend vor der Lokomotive hin und her, da fällt mir ein Mann auf der etwas abseits steht. Er trägt keinen Hut. Die fettigen Haare umranken wirr die kahle Stirn.

Während der Schnauzer dunkel ist umrahmt das Gesicht ein grauer Bart. Bedrückt fällt der Blick durch die kleinen Brillengläser. Ich trete zu ihm hin. „Entschuldigen Sie, welches Datum haben wir?“ Er schreckt auf. „Nach München und mit der Postkutsche nach Kufstein.“ „Nein, entschuldigen Sie, welches Datum?“ „Der neunzehnte - Oktober.“ „Und das Jahr?“ „fünfundvie... äh nein, sechsundvierzig.“ „1846.“ Inzwischen haben Kofferträger alles Gepäck verstaut, und ein uniformierter Schaffner bittet laut rufend zum Einsteigen. Ich folge dem Mann mit dem wirren Haar. „Entschuldigen Sie, noch eine Frage. Wohin geht der Zug?“ Lächelnd erwidert er: „Mit der Eisenbahn geht es in die Zukunft.“ Er steigt ein, ich folge ihm und setze mich ihm gegenüber. „Ich hoffe Sie verstehen mich richtig. Noch geht dieser Zug nur nach München, bald aber schon auch nach Stuttgart, Nürnberg, Berlin, Hamburg um Menschen und Güter zu transportieren ohne diese verzollen zu müssen. - Darf ich mich vorstellen - Friedrich List, amerikanischer Konsul, Sozialökonom. - Ach ja, es ist schon ein Jammer und neidisch könnte man werden, blickt man über den Rhein. Ein Staat, keine Zölle. - Aber wir haben schon viel geschafft mit dem deutschen Zollverein. Aber lassen wir das. Mir scheint sie sind auch nicht von hier.“ Ich will mich vorstellen. Im gleichen Augenblick aber geht ein Ruck durch den Zug, ich falle zurück in den Sitz, fühle mich wie in einem Flugzeug beim Abheben. Ich schließe die Augen oder es wird einfach dunkel, ich weiß es nicht. Der Zug fährt immer noch, doch der Sitz ist härter geworden, auch mein Gesprächspartner ist verschwunden. Dafür ist der Wagen gestopft voll mit Körben, Taschen und einfachen Bauersleuten und Arbeitern. Im Korb zu meinen Füßen gluckst eine Henne. Mir gegenüber stillt eine Mutter ihr Kind. Auffallend ihre aufgearbeiteten Hände. Auf der anderen Seite wird über Fahrpreise diskutiert. 1. Klasse sei zweimal so teuer wie die dritte hier, aber immer noch billiger als mit der Postkutsche. Bald solle es neue Tarife für Arbeiter und Hausfrauen geben: 1 Pfennig pro km nur noch. Telegraphenmasten unterbrechen regelmäßig den Blick auf die Landschaft. Es tauchen Häuser auf, eine Fabrikanlage, bis der Zug schließlich unter die Gusseisenkonstruktion des Bahnhofs einfährt. Im Gedränge schiebe ich mich mit hinaus. Augsburg Hauptbahnhof. Der ohnehin schon enge Bahnsteig, der durch Eisengitter in erste, zweite und dritte Klasse unterteilt ist, ist verstopft von Soldaten mit Pickelhaube und ihrem Gepäck. Ich höre zu wie eine Bauersfrau, erschreckt durch das Militärgetümmel, sich erklären lässt, dass die bayerischen Soldaten mit Preußen mitziehen. Gegen Frankreich. Um die Reichsbruderschaft zu wahren. Ich erinnere mich an das, was ich im Geschichtsunterricht gehört habe. Deutsch-französischer Krieg siebzig einundsiebzig. Mit den Bauern und Arbeitern dränge ich durch die kärgliche Wartehalle dritter Klasse, die mit schlafenden oder würfelspielenden Soldaten gefüllt ist.



Neben Soldaten und Reisenden sind viele Bauarbeiter, Verputzer und Anstreicher am Bahnhof. Ich schaue ihnen zu, wie sie ihre Sachen zusammenräumen und feierabendreif von den Gerüsten klettern. Der Umbau des Hauptgebäudes ist schon fertiggestellt. Jetzt wird an den Außenflügeln gearbeitet. Auf dem Bahnhofsvorplatz, auf den sich allmählich die sommerliche Abenddämmerung legt, fliegen die Lampen der Droschken wie Glühwürmchen umher. Aus den Kastanien weht ein kühler Abendwind, der den Rauch der Lokomotiven fern hält.

Bahnhof

Gerne würde ich mit Karren und Droschken Richtung Stadt ziehen, doch ich ziehe es vor am Bahnhof zu bleiben. Ich gehe um das Gebäude herum. An den Gaslampen sammeln sich Falter und Mücken. Ich biege um die Ecke und stehe wieder auf dem Bahnsteig. Es sieht aus wie eben, nur haben flache, runde Kappen die Pickelhauben abgelöst und begeisterter als vorhin scheinen die Soldaten zu sein. Spottlieder auf den linksrheinischen Feind höre ich und sehe, wie sich Güterwaggons mit Augsburger Soldaten füllen. Ich schaue dem Treiben zu, bis ein Offizier dem Zugführer das Zeichen zur Abfahrt gibt.Wo die Schienen eine Biegung machen verschwindet der Zug. Ich schaue ihm nach. Nächte fliegen über die Schienen wie Schatten. Bäume färben ihr Laub, stehen kahl und kleiden sich neu. Ein Zug kommt zurück. Irgendwie klingt das Schnauben der Lokomotive erschöpft. Verletzte, oder besser Verstümmelte steigen aus oder werden herausgehoben. Die Augen, die anfangs so voller Eifer waren sind leer und verbittert. „Können’se mal mit anpacken?“ fordert jemand mich auf eine Bahre mit einem beinlosen Kriegsversehrten mit hinauszutragen und auf die Ladefläche eines Holzvergasers zu schieben. Wie ich so auf dem Bahnhofsvorplatz stehe, betrachte ich den Neubau des Bahnhofsgebäudes, der ja inzwischen schon wieder ein viertel Jahrhundert alt ist. {Bild vom umgebauten Bahnhof} An der Außenseite des Bahnhofs entdecke ich einige Plakate und Anschläge, die ich mir gerne einmal aus der Nähe angesehen hätte. Auf einer Anschlagetafel entdecke ich den Fahrpreis nach München: drei Reichsmark und vierzig... nein...zwölf Reichsmark und... einhundertund... Die Zahlen, die den Fahrpreis angeben, werden immer länger und höher, bis die Augsburger schließlich auch wissen, wie eine Zahl mit zwölf Nullen heißt. „Inflation!“ schießt es mir durch den Kopf. Ich habe wieder einen Sprung nach vorn durch die Zeit gemacht. Welches Jahr es wohl ist? Da habe ich schon erblickt wonach ich suche. Ein junger Mann steht zeitungslesend neben seinen Koffern. Im Vorbeigehen kann ich die Zahlen 19 23 erhaschen, bevor er die Zeitung zuschlägt und mich anspricht „Interessierst dich für die Neuigkeiten? Nichts neues gibt’s. Das Proletariat schlürft immer noch Wassersuppe, während die Herren Fabrikbesitzer sich mit Knödeln und Kalbspastete mästen...“ Dem Anschein nach wollte er noch etwas sagen, doch da fällt sein Blick auf ein wartendes Mädchen, das wohl interessanter ist, als mit mir über soziale Probleme zu diskutieren und so schweigt er. Sein Gesicht mit den kleinen runden Brillengläsern kommt mir bekannt vor. Da tritt eine junge Frau aus der Schalterhalle zu ihm: „Komm Bertolt der Zug steht schon auf Gleis drei. In Nürnberg müssen wir dann nach Berlin umsteigen.“ Berlin. - Noch ist Weimar Reichshauptstadt, denke ich mir. Aber so etwas kann sich auf einer Zeitreise von einem Augenblick auf den anderen ändern. Und schon höre ich sie marschieren. Stiefel knallen im Gleichschritt auf das Pflaster des Bahnhofvorplatzes. Ich drehe mich um und sehe einen Zug junger Männer in braunen Hosen und beigen Hemden und den roten Armbinden mit dem Hakenkreuz. Auf den Stufen des Bahnhofportals stehend sehe ich die Schrecken des Dritten Reichs wie in einer Geisterbahn an mir vorüberziehen. SA und HJ marschieren, SS-Leute patrouillieren. Ich sehe die Augsburger Juden, wie sie von Hitlers Schergen getrieben, schweren Schrittes die Stufen heraufsteigen um zu ihrer letzten Bahnfahrt abgefertigt zu werden. Und aus der selben Tür wodurch gerade das letzte jüdische Mädchen mit ihrer Puppe verschwand tritt mit hochgerecktem Arm der Führer selbst, um die jubelnden Augsburger zu begrüßen. Doch gleich darauf verdunkelt sich das Bild. Keine Laterne brennt, Sirenen heulen in der Nacht, Flugzeugmotoren dröhnen, Flakkanonen rattern. Brennende Häuser erleuchten die Nacht. Und dann ist es Frühling. Ich stehe im grauen Schutt des Bahnhofs, doch über mir breitet sich der klare blaue Maihimmel.

Schwalben bauen unter den Vorsprüngen des zerstörten Gebäudes ihre Nester. Einige Frauen beladen eine Schubkarre mit noch brauchbaren Ziegeln. Es wird lange dauern, bis hier wieder Züge werden fahren können, denke ich mir. Aber schon fahren Züge in den notdürftig wiederhergestellten Bahnhof ein. Sie bringen Vertriebene, Heimatsuchende. Doch heißer erwartet als diese sind die Soldaten aus den Gefangenenlagern. Frauen und Mütter suchen nach den Ihren und fragen die Heimkehrer mit verzweifelten Blicken und Fotografien in den Händen, ob jemand nicht diesen gesehen hätte oder von jenem etwas wüsste. Ein Mann fällt weinend seiner jungen Frau in die Arme. Das kleine Kind starrt beklommen den fremden Mann an und hält sich am Rockzipfel der Mutter fest. Ich sehe die Heimkehrer und denke daran das es wohl Zeit wird selbst nach Hause zu fahren. Vom Zeitreisen bin ich hungrig geworden und fühle mich müde. Ich erinnere mich an das, was mir Herr List vor hundert Jahren gesagt hat: „Mit der Bahn geht es in die Zukunft!“ Also steige ich in den nächstbesten Zug, schließe die Tür und setze mich in ein leeres Abteil. Ich habe das Gefühl der Zug würde abfahren, doch statt den Bahnhof zu verlassen sehe ich ihn sich wie im Zeitraffer verändern. Auf der Heimfahrt mache ich die Erfahrung, dass es mit der Bahn zwar in die Zukunft geht, aber nicht immer so schnell wie man gerne wollte. Einige Male hält der Zug noch, aber so sehe ich die verschiedensten Menschen und Moden, treffe Rodriguez und Salvatore, die beiden Gastarbeiter aus Spanien, lese Plakate von Wahlen und Waschmitteln, und bevor der Zug in der Gegenwart hält sehe ich mich einmal selbst auf dem Bahnsteig stehen.

Fotoarchiv zur Reise in die Vergangenheit

Info

Verfasser: Sebastian Dübgen